Die Morgensonne scheint kraftlos und kalt durch das Fenster in Njans Zimmer. Daisuke hat wie üblich frisch aufgetragen noch bevor sein Herr wach wurde. Doch er kann sowieso nichts essen. Still schlürft er seinen Tee um wach zu werden, das flaue Gefühl, die Aufregung - die Angst, lassen ihn keinen bissen schlucken.
Er betet am Morgen inbrünstig am Schrein seiner Ahnen und hofft, dass dieser Zwist vielleicht doch noch ein gutes Ende nehmen möge. Sein Yojimbo ist anwesend, als er sich in eine leichte Rüstung kleidet um im Kampf agiler zu sein. Es wird kein Wort gesprochen. Ganko stellt die Beweggründe seines Schützlings nicht in Frage, doch brennen ihm trotzdem tausend Fragen auf den Lippen.
Njan nimmt andächtig sein Katana vom Ständer und lässt es in den Obi gleiten. Den Helm lässt er hier. Kein Bedarf dafür.
Er verabschiedet sich von Daisuke in wenigen Worten, sein Diener bleibt mit feuchten Augen im Schloss zurück. Der Samurai und sein Sekundant reiten gemeinsam, schweigend aus der Stadt. Niemand weiß, wohin sie reiten. Keiner fragt.
Der Schnee auf der Steppe vor ihnen ist knöcheltief und vom Morgenfrost vereist. Die Pferde halten sich dennoch sicher auf ihm und galoppieren auf die grün-weiße Wand aus dichten Tannen und nackten Laubbäumen zu.
Ein Falke kreist am Himmel und lässt seinen Jagdschrei über ihre Köpfe wehen.
Sie erreichen ihr Ziel nach einiger Zeit durch verschneite Schleichpfade und für Pferde schlecht passierbares Terrain.
Die Lichtung auf der sie ankommen ist einer der Lieblingsplätze zum meditieren im Sommer. Eine gigantische alte Eiche steht in der Mitte dieser sonst grünen, heute mit kaum berührten Schnee bedeckten Wiese. Vereinzelte Schneeflocken sinken hinab auf die Erde.
Khan ist bereits hier. Er lehnt - ebenfalls in einer leichten Rüstung - am Baum, zwei Pferde am Rande der Lichtung angebunden. Er hat keinen Helm bei sich, die Hand locker-lässig auf sein Katana gelegt.
Er spricht nach hinten als er die beiden kommen sieht. Sein Sekundant ist wohl hinter dem Baum.
Njan tritt einige Schritte auf die Lichtung und verbeuge sich: "Einen schönen Morgen, Khan-sama." Dieser schnauft verächtlich. "Hmpf. Lassen wir diese Floskeln und bringen es hinter uns. Wir sind nicht die Kraniche. Dein Sekundant muss für uns beide hinhalten. Es gibt hier niemandem dem ich zumute den Mund zu halten."
Njan zieht die Augenbrauen hoch: „Wenn wir es schon zu Ende bringen Khan-sama, denke ich, dann sollten wir es in gebührendem Rahmen tun, ohne uns zu beleidigen. Dazu zählt, dass ich euch das Recht verwehre mich vertraulich anzusprechen. Wen habt ihr dort, in eurer Begleitung. Ist es mir vergönnt, das zu erfahren?“
Ein kurzes Schmunzeln läuft über seine Lippen.
„Nur die Angebetete um die wir kämpfen." antwortet er und lässt Aikiko hervortreten.
Die Geisha ist in wollene Gewänder gekleidet, immer noch feminin und schön. Das Gesicht ist geschminkt, die Haare anmutig nach oben gebunden. Ihr starrer Blick gilt dem Boden auf dem der Schnee von einer Windböe hinauf geweht wird.
Der jüngere Samurai schluckt sichtlich: „Sei gegrüßt…Aikiko-chan. Bist du dir sicher, dass du das mit ansehen willst?“
Bevor die Dame antworten kann, unterbindet Khan jedes Wort mit einer abrupten Armbewegung! "Schluss mit dem Geschwätz! Ich will nicht noch mehr von deinen vergifteten Worten hören und schon gar nicht meiner Aikiko zumuten! Du benimmst dich wie ein elender Skorpion wenn du redest! Lass mich lieber deine Haltung sehen!"
Mit diesen Worten geht er in die Grundstellung.
„So sei es denn.“ Mit einem Kopfschütteln und einem kalten Blick, tut es ihm sein Bruder gleich.
Ganko tritt ein paar Schritte zurück. Er darf den Männern nicht im Wege stehen. Sein Naginata hat er wie ein Gardist aufrecht neben sich in den Schnee gesteckt. Sein Mempo verbirgt die Gesichtszüge die von Unverständnis und Trauer gezeichnet sind. Der Wind wird leiser, so als ob auch die Luftkami gespannt zusehen.
Njan holt tief Luft und stellt sich breitbeinig vor seinen Bruder. Die Arme locker neben dem Körper, der Kopf leicht gesenkt um sein Gegenüber zu fixieren. Eine Böe spielt mit den Haaren seines Zopfes am Rücken. Irgendwo im Gebüsch raschelt es leise. Kayoto sieht den Schemen eines Tieres, doch hält es für unbedenklich. Der Schatten verschwindet wieder.
Die Samurai atmen nun im gleichen Rhythmus. Njan mustert seinen Bruder und erkennt in dessen Haltung einen besseren Duellanten als sich selbst. Doch er ist will nicht weichen. Das Gesicht seines Bruders ist ebenso steinern und unbeweglich. Er sucht es ab nach irgendeiner Schwäche, doch findet nichts.
Anders als Njan, bemerkt Kayoto dass Khan nicht fest steht. Seine Augen - auf den ersten Blick klar und steinern - wirken auf den zweiten irgendwie getrübt, unaufmerksam. Seine Arme die zu Anfang seiner Stellung noch so kraftvoll und beherrscht aussahen, zittern leicht. Hat er etwa Angst?
Doch Ganko kann sich nicht erlauben noch etwas zu sagen, der letzte Atemzug ist getan und man spürt auf der ganzen Lichtung wie die Energien auf die beiden Samurai zufließen. Die Fokusphase hat begonnen. Der Wind, hält nun endgültig inne. Da leise rascheln ist verstummt, selbst der Falke in der Ferne hat abgedreht. Der Moment ist gekommen.
Njans Herzschlag ist mit jedem Atemzug ruhiger geworden, sein Unwohlsein einem perfekten Einklang gewichen. Der Rhythmus wird langsamer und leiser und dann, hält er die Luft an und das Herz setzt aus.
Eine einzige, kleine Schneeflocke, durchschneidet die Sichtlinie von Khan und seinem Bruder.
...
...
Die Energie explodiert aus der unglaublich schnellen Bewegung von Njans Hand. Der Wind heult im selben Moment auf, als sein Schwert die Scheide verlässt und seinem Gegenüber entgegen fliegt. Schnee wirbelt unter dem schnellen Schritt des Samurais auf. Khan zieht einen Sekundenbruchteil später doch es ist vergebens. Njans Klinge fährt ihm quer über den Brustpanzer, die linke Schulter hoch und wieder hinaus in die kalte Luft des letzten Wintermorgens. Eine nur dünne Schicht Blut spritzt auf, zeichnet ein wütendes Kunstwerk an die Rinde des alten Baumes. Khans Gesicht scheint den Schmerz gar nicht zu bemerken, stattdessen versucht er seine eigene Technik aus zu führen. Sein Katana schneidet ebenso tödlich - doch nicht so präzise durch die Luft und verfehlt Njans Kopf nur um Haaresbreite.
Eine Strähne wird vom Wind erfasst und auf das Blut am Baum geweht.
Der Kampf ist noch nicht vorbei. Njan wollte drei Schläge. Und in dem Moment, da sein erster Angriff die Haut seines Bruders durchbricht und die Klinge gierig sein Blut aufnimmt, vergisst der junge Samurai all seine Vorsätze und lässt die ohnmächtige Wut die er über die letzten Monate - nein: Jahre! - angesammelt hat in einem zweiten schrecklichen Streich hernieder sausen.
Sein linker, hinterer Fuß erreicht den vorderen rechten, welcher sich auf dem Ballen dreht um so seitlich, auf Khans linker Seite zu kommen. Sein Schwert hat den Bogen nach oben beendet und fällt nun von oben herab, die Klinge quer über den Rücken des Shugenjas. Diesmal spürt er es.
In einem verzweifelten Versuch sich zu wehren, wirft er seinen linken Arm nach hinten um Njan zumindest mit dem Knauf zu erwischen, doch dieser ist bereits komplett hinter ihn gelangt. Der dritte Streich soll es beenden.
Der Schnee unter ihren Füßen ist von Khans Lebenssaft dunkelrot gefärbt. Der große Khan wirft sich herum, sinkt auf sein linkes Knie und versucht verzweifelt den drohenden Schlag auf sich mit horizontaler Klinge zu parieren. Das Katana des Shinjos unterwandert die Parade mühelos und endlich frisst sich der kalte Stahl ein letztes Mal in das weiche Fleisch am linken Schlüsselbein seines Bruders.
Khans Arme sinken kraftlos zu Boden, sein Katana taucht mit der Spitze voran in den roten Schnee. Hungrig und unbefleckt, taucht es in dem vereisten Wasser unter. Es ist vorbei. Nun sieht auch Njan Khans trüben Blick und erkennt, wohin ihn seine blinde Wut geführt hat. Langsam, zieht er sein Schwert aus dem Fleisch seines Bruders, das Blut fließt ihm in heißen Strömen über den zerstörten Panzer. Er keucht noch einmal schwach auf, der Blick zwischen Aikiko und Njan in der Luft hängend.
Seine Lippen beben und der letzte Lufthauch trägt die Worte: "Wie konntest du mir das antun?"
Dann fällt er nach vorne vor die Füße des unbestreitbaren Siegers.
Die Stille im Hain ist erdrückend. Gierig trinkt der Schnee das heiße Blut des Shugenjas und die Eiche beginnt jammervoll im kalten Wind zu knarren.
Aikiko kreischt auf, schlägt die Hand vor dem Mund. Njan wendet sich zu ihr, will etwas sagen, doch sie lässt ihren Fächer fallen und rennt auf die dichten Bäume zu, die dem Wald den Blick auf das Ereignis auf der Lichtung ersparen. Der Yojimbo sagt kein Wort.