Unter Hakenkreuzen - Berlin bei Nacht: Prolog "Es kann doch nicht schlimmer werden..."

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Unter Hakenkreuzen - Berlin bei Nacht: Prolog "Es kann doch nicht schlimmer werden..."

Beitrag von Elias am Di 20 Apr 2010, 19:33



1918 Der Erste Weltkrieg ist vorbei, ganz Europa liegt in Schutt und Asche. Die Verwüstung scheint grenzenlos und man ist sich sicher: Schlimmer kann kein Krieg werden. Zu größerer Grausamkeit, wird niemals ein Mensch fähig sein, mehr Opfer kann kein Konflikt fordern.
Und die Tränen der Mütter und Töchter versiegen und auf den Gräbern der Gefallenen sprießt bereits das erste Vergissmeinnicht, als sich erneut etwas zu regen beginnt. Angestachelt durch den Befreiungskampf der Russen, tun sich nun auch in Deutschland Bewegungen hervor, die das Ende der monarchischen Unterdrückung fordern. Man spricht von Revolution, von einem Aufbegehren gegen den von Gott eingesetzten Herrscher.




Januar 1919 Der Aufstand des kommunistischen Spartakusbundes in Berlin, wurde erfolgreich niedergeschlagen. In einem vornehmen Gasthaus im Umland der preußischen Hauptstadt sitzt Wilhelm Schindler, einflussreicher Industrieller und Kaufmann. Auf seinem Knie der achtjährige Hans. Mit erhobener Faust wettert der überzeugte Monarchist und Bürgerliche über das faule Matrosenpack, das es wagt sich zu erheben spuckt verächtlich die Namen der grausam gelynchten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aus, schimpft sie und all das rote Pack Volksverräter und Umstürzler. Mit großen Augen sieht der Junge mit dem verstrubelten Braunem Haar zu seinem Vater auf, fürchtet sich vor dem lauen Gebrüll, ist angeekelt von dem Gestank von Bier und Schweiß, der all die bourgeoise Vornehmheit Lügen straft.

(Ebert)

Doch Schindler muss sich mit den neuen Zeitumständen arrangieren. Ein jeder freiheitsliebender Deutscher jubelt: Eine Nationalversammlung wird gegründet, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wird Reichspräsident. Die Weimarer Republik ist geboren!
Der reiche Hamburger Kaufmann wird bald Mitglied der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP).

Hans durchlebt die folgenden Jahre, fernab von jeder Konfrontation mit dem politischen Geschehen, auf dem Landhaus der Schindlers. Oft werden Feiern ausgerichtet, bei denen man in der aufgesetzten Wirtschaftswunderherrlichkeit der zwanziger Jahre schwelgt. Der intelligente und aufgeschlossene Junge, entwickelt schnell eine Leidenschaft für Literatur, vergräbt sich für Stunden in den Werken Schillers, Lessings und Goethes. Doch je älter er wird, desto mehr wächst sein Interesse an anderer Literatur. Hinter dem Rücken seines Vaters, lässt er die klas-sischen und bürgerlichen Werke links liegen und stürzt sich auf alles, was auch nur den Hauch eines revolutionären Gedankens in sich trägt: Büchner, Heine, Freiligrath, Herwegh und später auch die ersten Werke Bert Brechts, verschlingt er ohne Unterschied.




November 1923 Im Münchener Bürgerbräukeller schart der weitgehend unbekannte, verschmähte Kunstmaler Adolf Hitler eine kleine Schar von nationalistischen Getreuen um sich und versucht erfolglos den Putsch. Der Familienvater weicht, der Inflation erfolgreich aus, indem er rechtzeitig zahlreiche Immobilien aufkauft. Wilhelm entdeckt die Bücher seines Sohnes: Hans wird verprügelt. Seine Mutter Henriette steht tatenlos und hilflos daneben, sie hat hier nichts zu sagen. Nicht einmal, als ihre Tochter Luise auch eine Ohrfeige abbekommt, als sie verzweifelt versucht dazwischen zugehen, schreitet sie ein. Hans älterer Bruder Heinrich-Wilhelm grinst, im Gegensatz zu Marianne kann er Hans nicht leiden. Mit Tränen der Wut und der Verzweiflung muss Hans zu sehen, wie all seine Schätze im Kamin den Flammentod sterben. Luise versucht ihn zu trösten. Ach, wie er doch diesen fetten Tyrannen hasst! Der 12-jährige fasst einen Entschluss: Seine eigenen Ideen, kann ihm sein Vater nicht wegnehmen. Wenn er nicht lesen darf, muss er eben selbst schreiben.

1925 Ein Aufstöhnen geht durch die linken Kreise: der als monarchistisch und erzkonservativ geltende Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, wird neuer Reichspräsident. Zunehmend beginnt sich Hans-Paul für Politik zu interessieren. Vor der Einstellung des Vaters schreckt er zurück, er interessiert vielmehr für die SPD und die anderen Gruppierungen, die im Parlament links sitzen.

1929 Weltwirtschaftskrise. Wilhelm Schindler, ist wütender und aggressiver als je zuvor. Im Suff schlägt er seine Kinder und schimpft, wie so oft, auf das dreckige rote Pack. Sie hätten das verursacht, mit ihrer lausigen Bolschewisten-Politik, sie hätten ihm sein Geld gestohlen. Dabei ist er noch vergleichsweise gut davon gekommen. Der 18-jährige Hans-Paul, treibt sich immer öfter in der Stadt mit anderen Gleichgesinnten herum. Lässt sich zu den Klängen der "Internationale", von Kneipe zu Kneipe treiben. Oft prügelt man sich mit anderen Jugendlichen, die sich der immer mehr erstarkenden rechten Bewegung angeschlossen haben. Er ist frustriert: Zuhause, in diesem kleinbürgerlichen bourgeoisen Loch, hält er es nicht mehr aus. Die Schwester ist sein einziger Anhaltspunkt. Seine Wut und seinen Hass kann er in diesen langen Nächten offen ausleben. Er entdeckt, dass er viel Erfolg bei der Damenwelt haben kann, wenn er den "stillen Poeten" spielen lässt. Zu einer längeren festen Beziehung kommt es allerdings nicht. Mit Begeisterung macht er sich an die Lektüre des "Kommunistischen Manifests", veröffentlicht selbst einige Flugblätter. Mit 19 flieht er von Zuhause. Er muss sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen und lebt von der Hand in den Mund, bis er einen Posten bei einer kleinen Berliner Zeitung bekommt. Mit mittelmäßigem Erfolg gibt er einige Sammlungen an Kurzgeschichten und eine Gedichtsammlung heraus. Er hat zunächst Probleme einen Verleger zu finden, viele scheuen den politischen Ton seiner Werke.

1931 Immer mehr erstarkt die Rechte. Paul tritt der SPD bei. In der momentanen Lage hat er zu große Angst davor noch weiter zu gehen. Viele seiner Freunde, manche sind Juden, verlassen Deutschaland. Sie raten ihm das Gleiche zu tun, doch er schlägt ab. Er liebt Berlin und so schlimm, kann es ja kaum werden.




1933 Das schreckliche tritt ein. Nachdem die deutsche Linke in den letzten Jahren immer mehr in sich zusammenbrach und zersplitterte und einer starken Rechten weichen musste, ernennt Hindenburg, Hitler zum Reichskanzler. Die NSDAP hat nun die absolute Mehrheit. Kaum an der Macht fackelt er nicht lange: Grundrechte werden ausser Kraft gesetzt, Gewerkschaften verboten, die anderen Parteien zur Auflösung gezwungen. Ein Jahr später stirbt Hindenburg und Hitler macht sich selbst zum Reichkanzler, zum Führer. Durch ganz Deutschland hallt der Ruf, der eine Welle geistiger und moralischer Fäulnis vor sich her schwemmt: "HEIL HITLER". Paul hört die erste "Führerrede" im Radio und schafft es gerade noch rechtzeitig auf die Toilette um sich zu erbrechen.



Wie oft wünscht sich Hans Paul Schindler in der kommenden Zeit geflohen zu sein. Alles wird schlimmer. Der Hass gegen die Juden steigt ins Unermessliche. Die Nürnberger Gesetze, Regelungen „Zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, legen den Grundstein für eine systematische Ausrottung riesiger Bevölkerungsgruppen. Die reden des Diktators, der sabbernd und geifernd seien abgehackten Botschaften auf das Volk hernieder brüllt wimmeln von Wörtern wie Ratte, Volksschädling, lebensunwertes Leben, Ausrottung, neuer Lebensraum und immer wieder deutsch, arisch, germanisch, deutsch, arisch, germanisch, deutsch, arisch, germanisch, wie ein Mantra. Der Autor kann nie verstehen, wie man auf dieses abgehackte Stakkato der Sinnlosigkeit und des Wahns hereinfallen kann. Angewidert wirft er die „neue Bibel des deutschen Volkes“ ins Feuer, drei Seiten, mehr hält er nicht aus. Aus der Versenkung der Unbedeutsamkeit ist nicht nur Hitler hervorgekrochen. Ihn umschmeichelt ein unüberschaubarer Stab an Anhänger, die zum Teil ihr ganz eigenes Spiel spielen. Einen kennt Paul noch von früher. Joseph Goebbels: Er hatte ihn einmal in einer Berliner Kneipe angetroffen, wo der auffällig hinkende Mann, von abstrusen Theorien und Mystizismus schwafelte…damals hatten sie ihn ausgelacht.



Viele von Hans besten Freunden, vor allem Juden, verschwinden – nicht alle fliehen sie freiwillig. Eines Abend klopft sein Nachbar Ephraim an seiner Tür, fragt ihn panisch und mit angstverzerrter Stimme, ob Hans seine Frau und seine Tochter gesehen habe? Sie hatten doch nicht vor auszugehen, dürften doch auch gar nicht mehr draußen sein. Der Schriftsteller weiß auch nichts darüber, er war den ganzen Tag in der Fabrik. Seine Stelle bei der Zeitung, hat er gleich nach der Machtergreifung verloren. Kurz darauf kamen einige dieser blindwütigen Dummköpfe, mit diesem widerlichen Totenkopf auf der Schulter in seine Wohnung: „Sind se Hans Paul Schindler?“ – „Ja, der bin ich“ – „Hamm nen Durchsuchungsbefehl, dürfn wa reinkomm‘?“ – „Eigentlich…“ – „Hamm nen Befehl, Schindler! Kann böse Folgen ham wenn se…“ - „Ist ja schon in Ordnung“. Die SS-Leute durchsuchten die Wohnung und Namen alles an „bolschewistischem Krempel“ mit, auch alles, was sie an seinen eigenen Werken finden konnten (Zum Glück hatte er sämtlich Manuskripte und einige seiner Lieblingsausgaben unter einer Bodendiele versteckt). Ein Schreiben ließen sie zurück:

„Sehr geehrter Herr Schindler!
Mit größtem Bedauern muss ich ihnen mitteilen, dass ihnen das Verfassen weiterer Texte streng untersagt ist. Der Inhalt ihrer Schriften, wurde als schädlich, für das deutsche Volk und unwürdig für jede Druckerpresse dieses Reiches befunden. Des Weiteren, ist ihnen strikt untersagt, noch einmal einen Posten, bei einer Zeitung, im Rundfunk oder anderen Anstalten der öffentlichen Information oder Kommunikation anzunehmen. Ein Eintritt in die NSDAP, könnte eventuell zur Lockerung dieser Sanktionen führen.
Heil Hitler!
Ludwig Schreyer (Reichsministerium für Propaganda) “

Wäre Er bloß geflohen, hätte er bloß auf seine Freunde gehört… „Hans, was soll ich denn jetzt tun?“ Hans blickt auf, vor ihm steht immer noch Ephraim, ein muskulöser Mann, lockige schwarze Haare, kantiges Gesicht. Ein Mann, der sonst eine Aura von Stärke um sich trägt, jetzt ganz klein, unerträglich hilflos. Hans nimmt ihn mit zu sich in die Wohnung, tröstet ihn, redet ihm zu. Es wird seinen „Mädchen“ schon nichts passiert sein. Ephraim, weint, aber ist verbissen sich nicht unterkriegen zu lassen: „Mich kriegen sie nicht Hans! Nicht lebend!“ Wenige Tage später kommt auch Ephraim Nussbaum nicht mehr zurück. Seine Wohnung ist leer…Ist ihm die Flucht tatsächlich geglückt?

Die Nazis scheinen großen Erfolg zu haben: Italien hat sich schon lange der Bewegung angeschlossenen und himmelt den lächerlichen „Duce del Fascismo“ Benito Mussolini an. Kontakt mit dem spanischen Diktator Franco an. Selbst Japan ist von der Idee des Faschismus begeistert und beginnt einen blutigen Eroberungsfeldzug in China. Die Alliierten bleiben tatenlos, bleiben am süßen Honig der Versprechungen Hitlers kleben, so oft er sie auch brechen mag.



1937 Seinen engsten Getreuen eröffnet Hitler was er wirklich will: „Die Eroberung neuen Lebensraums“
Hans stopft sich hastig einen alten Brotkanten in den Mund, bevor er weiterarbeiten muss.
Er kann sich nicht mehr zu Essen leisten, gibt seinen letzten Groschen für den Eintritt in die Ausstellung „Entartete Kunst“ aus. Die Nazis haben sie organisiert, um das Volk vor den modernen und undeutschen Auswüchsen zu warnen, die gewisse „Künstler“ hervorgebracht haben. Es wird auf lange Zeit die letzte Gelegenheit, eine Leinwand mit etwas anderem darauf zu sehen, als einem halbnackten, schweißtriefenden Muskelprotz mit einem Stahlträger auf der Schulter, etwas anderes zu hören als das brausende Getöse eines Richard Wagner.
1938 Österreich kommt „heim ins Reich“.
Hans dreht die Schrauben an einem großen Geschütz fest.
Die Nächte werden kälter, die Verblendung wächst und wächst: In der kalten Nacht des 9. Und 10. November brennen überall in Deutschland Synagogen, die Fenster von Geschäften werden verschmiert werden eingeschlagen oder beschmiert. Wieder einmal bekommen die Schwachen und Wehrlosen den Hass und die Frustration eines ganzen Volkes zu spüren. Das kalte Licht des Mondes spiegelt sich in den Milliarden von Glasscherben die die Straßen bedecken…“Reichskristallnacht“.


Hans Paul Schindler kann das alles nicht fassen, er schreit und weint, schreibt zornige Texte, wirft sie aus Angst in den Kamin. Er muss hinaus, muss trinken, muss vergessen. Doch auch in seinem Stammlokal, kann er nicht mehr allein sein. Ein grölender Pulk von SS-Leuten, dreht das Radio auf und hört den Worten des Führers zu. Hans meint den Speichel aus dem Lautsprecher spritzen zu sehen. Eine junge, sehr hübsche…nein schöne Frau in Uniform beobachtet ihn die ganze Zeit. Am nächsten Abend steht sie vor seiner Tür: „Lulu von Strauß und Torney“ sei ihr Name ob sie ihn nicht auf eine kleine „Fahrt durch die Nacht“ begleiten wolle? Es gäbe einen „exklusiven Kreis von Künstlern“ und sie würde ihn gerne vorstellen. Hans steigt in die lange schwarze Limousine und die schwere Tür fällt hinter ihm zu…

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Re: Unter Hakenkreuzen - Berlin bei Nacht: Prolog "Es kann doch nicht schlimmer werden..."

Beitrag von Duncan am Fr 02 Jul 2010, 16:37

Lulu, die Frau meiner Träume und schon bald, die Frau meiner Alpträume fährt mich zu einer seltsamen Gesellschaft. Die Frau am Steuer, sieht ihr seltsam ähnlich, beobachtet mich mit sonderbar bösen Blicken. Hinter einem großen Fabrikgebäude halten wir an und sie führt mich durch eine Tür in einen großen Raum, wie er -für mich- faszinierender nicht sein könnte. Unmengen von Büchern! Bilder von abgöttischer Schönheit und Eleganz. Musik von wunderbar exotischem Klang. Mein Schriftstellerherz schlägt höher, als ich die verbotenen Werke meiner Genossinen und Genossen in den Händen halte, die diese Barbaren die sich Nazionalisten schimpfen verbieten. Mir steigen Tränen in die Augen wenn ich meine Augen über diese Wunderwerke die diese Monstren 'Entartete Kunst' schimpfen schweifen lasse. Meine Seele schreit: "Ich bin bereit zu sterben! Jetzt! Auf der Stelle, denn ich will glücklich von dieser Welt scheiden und nie war ich glücklicher als jetzt!" wenn ich die Musik aus Amerika höre, die rauchigen Stimmen der Neger und die Herzzerreißenden Sax-Einlagen der Musiker. Ich bin im Paradies! Nie mehr will ich wo anders sein.
Doch dann, plötzlich bleibt mein Herz stehen, als ich einen SS-Offizier direkt auf mich zu spazieren sehe und mir der Gedanke kommt, dass man mich reingelegt hat. Jetzt, muss ich wirklich sterben? Verflucht sei mein Übermut!

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Sie, die von dem Engelschore wird geheißen Leonore?
Werd' ich sie dort einst umarmen, meine Leonore?" - "Nimmer", Krächzte da der Rabe. "Nimmer!"

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Re: Unter Hakenkreuzen - Berlin bei Nacht: Prolog "Es kann doch nicht schlimmer werden..."

Beitrag von Elias am Sa 03 Jul 2010, 19:05


Fritz von Tuskow

Doch das, was nun passiert, widerspricht allem, was der Autor auch nur im Entferntesten erwartet hätte. Der Offizier lächelt ihn lässig an und streckt ihm eine Hand entgegen, die Hans vollkommen perplex ergreift. Der altertümlich preußisch-militärische Tonfall, der stark an einen ehemaligen kaiserlichen Offiziere erinnert, passt so überhaupt nicht, zu dem recht jugendlichen Aussehen des Mannes. Das erste Wort, das ihm als passende Beschreibung einfällt ist „schneidig“, durch und durch „schneidig“.

„Tuskow, der Name, Fritz von. Sie müssen Herr Schindler sein, von dem unser liebreizendes Fräulein Lulu hier schon so viel erzählt hat.“ Hans kommt gar nicht dazu irgendetwas zu entgegnen: „Freut mich sie in unsrem illustren Kreise begrüßen zu können. Habe ein wenig ihr Werk studiert. Nicht ganz mein Geschmack, aber passable Ansätze. Werden sicher anregende Gespräche führen können.“ Was ist hier bloß los? Was soll das? Was ist das für ein Kerl? Sieht aus wie der perfekte Faschist und scheint sich trotzdem in diesem Raum, der vor „entarteter“ Kunst nur so strotzt durchaus heimisch zu fühlen. Er scheint Hans prüfende Blicke auf seiner Uniform, dem abstoßenden Totenkopf auf der Mütze zu bemerken: „Haha. Machen sie sich mal keine Sorgen Schindler. Alles ein bisschen verwirrend nicht? Bin mir sicher Fräulein Lulu, wird ihnen, dass alles erklären können. Wird wohl noch so manche Fragen auftauchen.“ Ein unerklärliches Lächeln spielt um seine Lippen, als er weiter spricht „aber an Zeit zur Klärung wird es schon nicht mangeln. Wo steckt Lulu eigentlich? Ah, da drüben. Na dann machen wir sie doch gleich mit einem weiteren Mitglied unserer kleinen Gesellschaft bekannt.“


Moses Mendelsohn

Tuskow führt Hans zu Lulu die, sich inzwischen in einen Sessel gesetzt hat und sich in angeregtem Gespräch mit einer kleingewachsenen Person befindet, deren Gesicht nur schwach vom flackernden Feuerschein des Kamins erhellt wird. Als die Person die herannahenden Gäste bemerkt, erhebt sie sich und tritt, wie zuvor der SS-Mann, auf Hans zu. Er kommt sich mittlerweile irgendwie wie ein Vorzeigeobjekt vor.
Die Erscheinung des kleinen, schätzungsweise 60 Jahre alten Mannes, könnte absonderlicher nicht sein: Das genaue Gegenteil des Offiziers steht vor ihm. Eine ausgeprägte Nase und der rabenschwarze Bart, versuchen erst gar nicht seine offensichtliche Herkunft zu verschleiern. Die hohe Stirn, weißt zahlreiche Denkfalten auf und die kleinen dunklen Augen sprühen vor Intelligenz. Das absonderlichste an dieser Person ist die unwahrscheinlich altertümliche Kleidung. Ein roter Gehrock, ein rüschenbesetztes weißes Halstuch, fast knielange Strümpfe und…sind das etwa barocke Schnallenschuhe? Und doch obwohl dieses Männchen wirkt, als wäre es vor rund zweihundert Jahren auf die Welt gekommen, kann Hans nicht umhin sofort eine tiefe Sympathie für ihn zu empfinden. Freundlich lächelnd umfasst der „barocke Jude“ Hans ausgestreckte Hand mit beiden Händen. Leicht rauchig und mit unverkennbarem hebräischen Einschlag erklingt seine Stimme: „Hans-Paul Schindler, es ist mir eine überaus große Freude sie willkommen heißen zu dürfen.“ Hans scheint ja hier schon allen bekannt zu sein. „Nun ist‘s mir endlich vergönnt, den Schöpfer der Werke kennenzulernen, aus denen Madame Lulu stets so voll Enthusiasmus rezitiert. Aber wo bleibt die Etikette dieses alten Greises? Mein bescheidener Name ist Moses Mendelsohn. Noch einmal willkommen. Ich erhoffe mir in Zukunft so manch erquickende Konversation mit ihnen pflegen zu können.“

Lulu mischt sich ein: „Ach Herr Mendelsohn, jetzt erschrecken sie Herrn Schindler nicht allzu sehr mit ihrer Überschwänglichkeit. Ihm ist ja schon ganz weiß um die Nase. Herr Schindler, ich schlage vor sie unterhalten sich noch ein wenig mit meinen beiden Freunden hier. Ich muss noch einige Werke einsehen und dann werde ich sie…nach Hause…bringen. In Ordnung?“ – Ja, das ist in Ordnung. Hans lässt sich nun auch einen Sessel sinken und unterhält sich halbherzig mit den beiden Anwesenden. Eine Person einen derart gebildeten und intelligenten Eindruck macht wie Mendelsohn, hat er noch nie zu vor getroffen…Wo hat er diesen Namen nur schon mal gehört? Dieses Gesicht schon einmal gesehen? Er erfährt, dass von Tuskow Maler und Kunstkenner ist, beziehungsweise zu sein vorgibt. Doch tatsächlich hört er nur mit halbem Ohr zu, versucht sich verzweifelt die absurde Situation zu erklären, in die er hier geraten ist. Träumt er, hat er Opium geraucht und wälzt sich in Wahrheit auf einem schmutzigen Kissen, während ihn diese Geister seines Wahns verfolgen?


Lulu von Strauß und Torney

Lulu, gekleidet in einen schweren weißen Pelzmantel, nimmt Hans am Arm und führt ihn aus dem Fabrikgebäude. Oben steht schon die Limousine bereit. Hinter dem Steuer sitzt dieselbe eigenartige Frau und zieht missbilligend die Mundwinkel herunter, als sie den Mann erblickt. Die Beiden setzten sich auf die Rückbank. „Beatrice sei so gut und bring uns nur bis zur Bischof-Wösner-Straße! Ich will mit Hans hier noch einen kleinen Spaziergang machen.“ – „Beatrice“ Stimme trieft vor kaltem Zynismus: „Ganz wie Madame wünschen“. Lulu schüttelt sichtlich betrübt den Kopf, setzt an etwas zu sagen, entscheidet sich dann aber doch anders. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit hetzt die schwarze Limousine durch die verschneiten Straßen Berlins. Manchmal gerät der Wagen auf den glatten Straßen gefährlich ins Schlingern. Lulu, zeigt sich unbeeindruckt, ist die Fahrkünste ihrer Chauffeurin (?) allem Anschein nach schon gewöhnt. Hans indessen, versucht, verzweifelt, sich nicht zu offensichtlich in das Polster der Sitze zu klammern.
Der Weg führt sie geradewegs in einen der noblen Vororte der Stadt. Hans wird erst jetzt bewusst, dass diese Straße nicht zu ihm nach Hause führt. Fragend wendet er den Blick zu seiner Begleiterin. Die lächelt ihn nur an, zwinkert ihm kokett zu…Vielleicht findet dieser Abend doch noch ein angenehmes Ende?

Schließlich bleibt der Wagen stehen und man bedeutet dem Schriftsteller auszusteigen. Kaum haben er und seine neue Bekanntschaft den Wagen verlassen, braust er auch schon wieder davon. Die Gegend ist überaus nobel. Das letzte Mal hat Hans diese Villen, vor vielen Jahren mit seiner Familie besucht. Lulu hängt sich bei ihm ein und beginnt zielstrebig einen Weg einzuschlagen. Das Gespräch, dass die beiden führen, ist mehr als merkwürdig: Diese bezaubernde Frau beginnt von Vampiren zu reden, von dunklen Gestalten, die des Nachts das Blut ihrer ahnungslosen Opfer stehlen. Sie fragt Hans, allen Ernstes, wie er sich ein Leben als „Vampir“ vorstellen würde. Versucht ihn geradezu von den Vorteilen einer solchen Existenz zu überzeugen: „Stellen sie sich vor Herr Schindler – Hans – stellen sie sich vor, sie hätten eine endlose Spanne an Zeit um sie der Kunst zu widmen. Ewiges Leben. Endlich Zeit genug um alles zu lesen, zu schreiben, zu sehen, was man immer lesen, sehen oder niederschreiben wollte. Vielleicht wird man in der Nacht verweilen müssen, wird auf das Licht der Sonne verzichten müssen, auf das Lachen spielender Kinder in den Straßen, auf die schillernden Kleider der Frauen die unter dem fleckigen Schatten der Parks flanieren, vielleicht wird man darauf verzichten müssen. Aber man wird Zeit haben um die eigenen Worte derart zu vervollkommnen, dass man mit ihnen all das verloren geglaubte neu erschaffen kann. Nicht nur für den Augenblick Hans, für die Ewigkeit!“ Hans lauscht der Stimme, der wunderschönen Dame, die vor seinem inneren Augen eine Illusion von Vollkommenheit erschafft. Und er ist versucht ihr Glauben zu schenken. In ihren Worten erkennt, er warum die Geschichten über Kreaturen der Nacht, die Menschen seit jeher so faszinierten. Dieser Wiederstreit zwischen Perfektion und wilder Bestie. Die Möglichkeit auf ewiges Leben. Aber um welchen Preis? Doch wäre es das nicht wert? Was bietet ihm der Tag noch ausser Gefangenschaft und Schufterei? Sind nicht die Nächte längst seine wahre Heimat? Verdammt, er war doch noch nie ein Okkultist, warum denkt er überhaupt über sowas nach?


Lulus Villa

Lulu öffnet ein schmiedeeisernes Tor zu einem großzügigen Garten, der eine Villa aus rotem Backstein umgibt. Die Limousine parkt in der Auffahrt. Sie zieht ihn fast hinter sich her und er lässt es geschehen. Im Haus, lässt sie ihn Mantel und Schuhe ausziehen und führt ihn die Treppe hinauf in ein Zimmer, in dem ein großes Himmelbett steht. Was nun geschieht übertrifft alles, was Hans jemals mit einer Frau erlebt hat. Gierig, fast wie ein Raubtier und doch zärtlich, als ob sie Angst hätte ihn zu zerbrechen, stürzt sich das wunderschöne Wesen auf den Dichter. Dann, eine Lust, eine unbeschreibliche Welle überspült ihn, schließt ihn in ihre warmen Arme, raubt ihm die Sinne.

Hans Paul Schindler, wandert durch eine Garten voller Rosen. Immer dichter ranken sich die Sträucher um ihn zusammen. Wohin er auch den Kopf wendet, überall sieht er ein Meer aus Blüten, bis hin zum tiefroten Horizont. Mit jedem Zug seiner Lungen saugt er den schweren süßen Duft in sich auf. Er erkennt, dass er ganz nackt ist, will vor Schmerzen schreien als er auf die dornigen Ranken tritt, die den Boden vor ihm bedecken. Doch sei Mund bleibt verschlossen. Selbst, als die Dornen von allen Seiten seine Haut zerreißen, muss er stumm bleiben. Er blutet und der Saft des Lebens strömt aus ihm heraus, schwemmt die Rosen fort und umhüllt ihn ganz. Er fühlt sich so leer, so durstig, will dieses Meer in einem Zug austrinken, will sein Blut zurück in seinen Körper zwingen. Doch sein Mund bleibt verschlossen. Der rote Ozean umschließt ihn, drückt sich schwer auf seine Lider und er sinkt kraftlos hinab auf den Grund…Durst…Schmerz und immer wieder Durst…und dann endlich gnädige Finsternis...


Ende des Prologes






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